Die Sage

 

 

 

Die Kinder haben eine Geschichte vorgetragen, die schon sehr lange vor Ort überliefert ist. Sie war so überzeugend, dass die Kirche nicht mehr unter ihrem eigentlichen Namen „ST. Bartholomäus“ firmierte sondern als Ochsenturmkirche, spätestens, nachdem die Kirche Ende des 19. Jahrhunderts abgerissen wurde und nur noch der Turm als Seezeichen erhalten blieb. Die alte Kirche verwandelte sich übrigens auch in ein Seezeichen: Die Steine wurden für das Fundament des Hoheweg-Leuchtturms verwendet.

 

 

 

Was sagt uns diese Sage? Warum ist sie entstanden?

 

Sagen haben immer einen gewissen Wahrheitsgehalt bzw. versuchen etwas zu erklären, was nicht mehr einsichtig ist. Den Bewohnern musste sich in der frühen Neuzeit die Frage stellen:

 

Warum stehen Kirche und Pfarrhof samt Küsterhaus und damit die Schule im gefühlten Niemandsland zwischen den Dörfern Weddewarden und Dingen?

 

Da keine praktischen Gründe vorzuliegen scheinen sucht man nach einer Erklärung.

 

Im vorreformatorischen Mittelalter hätte sich vielleicht die Legende eines Heiligen verbreitet, der sich just diesen Platz für seine Gebeine gewünscht und ein entsprechendes Zeichen gegeben hätte. Eine solche Heiligenlegende wäre im protestantischen Wursten nicht auf viel Verständnis gestoßen. Doch Gottesurteile galten weiter, obwohl sie auch in den Bereich der Wunder gehören.  Gott wird den Ochsen des würdigeren Dorfes schon gewinnen lassen. Heute würde man das eher Wette nennen und eine Seite gewinnt. Irgendwer mag diese Geschichte aufgebracht haben und sie hat sich als Sage festgesetzt.

 

In Sagen lässt sich ein wiederkehrender Motivschatz herausarbeiten. Tiere als Entscheider in Streitfällen sind ein durchgängiges Bild.

 

Vergleichbar ist auch die Gründung der Steinauer Kirche. Die Kirche war von einem aufgegebenen Ort verlegt worden. In Steinau waren die Häuser ursprünglich wesentlich verstreuter als heute; den Standort der dortigen Kirche hat man wohl als willkürlich empfunden. Der Sage nach hat man ein Altarbild mit dem Kirchenpatron aus der alten Kirche auf einen Schimmel gebunden. Der ließ sich an einem Platz nieder und bestimmte damit den Standort der Kirche.

 

Das Motiv der Ochsen gibt es in den überlieferten Sagen des Elbe-Weserraums noch einmal: In der Heide bei Wanhöden gab es einen der vielen Grenzstreitigkeiten zwischen Wurstern und Hadelnern. Da man sich nicht einigen konnte, „kam man auf den Gedanken, zwei Ochsen zusammenzubinden und laufen zu lassen. Wo sie sich niederließen, sollte die Grenze gezogen werden.“ So geschah es laut Erzählung. Wahrscheinlich steht der damals gesetzte Grenzpfahl an einer etwas außergewöhnlichen Stelle und bedurfte einer Erklärung. Der Ablauf beider Erzählungen ist also beinahe identisch.

 

Warum wählt man gerade ein Pferd und vor allem Ochsen als Motive für unverständliche Entscheidungen? Es sind die Tiere, mit denen die Bewohner Wurstens wie Hadelns täglich umgingen und deren Widerborstigkeit und Unberechenbarkeit sie nur zu gut kannten. Solche Sagen beruhen auf Bildern, die mit dem eigenen täglichen Leben zu tun hatten.

 

 

 

 

Wie verhält es sich mit der Geschichte der „Ochsenturmkirche“  in Wirklichkeit?

 

 

Dass die Ortschaften Weddewarden und Imsum 1091 erstmals genannt wurden. wurde 1991 bekanntlich tüchtig gefeiert! Wahrscheinlich gehen sie ins 7.- 8. Jahrhundert zurück.

 

Greifen wir kurz in die grundsätzliche Siedlungsgeschichte aus:

 

Naturgeschichtlich ist das Unterwesergebiet in den vorchristlichen Jahrtausenden starken Schwankungen von Trockenheit und Überflutungen unterworfen.  In der späten Bronzezeit gibt es Besiedlungsphasen in der Marsch. Kurz vor Christi Geburt – zu Beginn der römischen Kaiserzeit, kam es zu einer Meeresspiegelabsenkung. Es entstand die Siedlungskette auf der landwirtschaftlich nutzbaren frischen fruchtbaren Marsch mit den Vorgängern der Orte Weddewarden – Dingen – Barward- Fallward – Feddersen Wierde – Mulsum – Alsum. Damit sie sich das räumlich vorstellen können: Diese Siedlungen, die wie Perlen an der Schnur aufgereigt sind, endet kurz vor Dorum. Im 1. Jahrhundert zwang der Anstieg des Meeresspiegels die Siedler zum Wurtenbau, der charakteristisch für unsere Landschaft werden sollten: Wursten = Land der Wurten. Ohne erkennbaren Zwang durch einen abrupten Meeresanstieg verließen die Bewohner im 5. Jahrhundert ihre Siedlungen und wanderten nach England. Seit dem 7. Jahrhundert strömten Friesen als Neusiedler ins Land und nutzten erst einmal die alten Wurten, Zur Wurtenkette seit dem 8. Jahrhundert gehören Imsum, Misselwarden, Dorum und Wremen. Imsum mit seiner um-Endung ist ein typisch friesischer Ortsname.  Bald breiteten sich die friesischen Neusiedler in die frische Marsch vor der alten Wurtenkette aus.  Zu diesen Aussiedlungen in die frische fruchtbare Marsch werden im Vorfeld von Weddewarden und Imsum auch die in den Quellen überlieferten Orte Luppinge und Lebstedt gehört haben. Auf diese Orte werden wir gleich zurückkommen.

 

 

 

Der Kirchenbau

 

Es ist anzunehmen, dass sich jeweils einige Hof- oder Dorfwurten Holzkirchen teilten. Wenn es gelingt, wie in Wulsdorf vor einigen Jahren, die steinernen hochmittelalterlichen Kirchen archäologisch zu untersuchen, stößt man möglicherweise auf hölzerne Vorgänger. Der älteste Holzkirchenbau in Wulsdorf beispielsweise geht bis in karolingische Zeit zurück.

 

 

Im späten 12 -frühen 13. Jahrhundert erhalten alle bedeutenden Ort bzw. Ortsverbände eine Steinkirche – im Gegensatz zur Marsch, die Kirchen nur in sehr zentralen Orten aufwies. Diese Steinkirchen sind in Wursten alle Saalkirchen mit annähernd quadratischem Chor und einem Turm. Sie sind die einzigen steinernen Gebäude und geeignet, bei Überfällen und kriegerischen Auseinandersetzungen und wegen der besonders hohen Wurten auch bei Fluten als Fluchtorte zu dienen.

 

 

Wie verhält es sich mit der Kirche in Imsum?

 

Wahrscheinlich gab auch dort eine hölzerne Kirche oder mehrere in Folge, denn die in der Urkunde von 1091 genannten Orte mussten versorgt werden.

 

 

Erst für 1312 haben wir ein konkretes Datum für eine Kirche in historischen Quellen. Da unterschreibt ein            „rector eccl. Ymessen“ (Hayduck), also ein Pfarrer eine Urkunde. Der Kirchenpatron ist Bartholomäus, einer der 12 Apostel. Auf dem Krichensiegel ist er in Halbfigur mit Schwert als Zeichen seines Martyriums und Buch als Zeichen der Verkündigung. Es gibt eine Quelle, in der  Bartholomäus als Apostel Wurstens genannt wird. Dem sollte man mal nachgehen, weil das auf einen besonderen Vorrang der Imsumer Kirche im innerhalb der ersten friesischen Wurtenkette schließen lassen könnte.

 

 

1312 als erste Nennuung eines Pfarrers: warum feiern wir 2018 diese Kirche?

 

 

Im Lagerbuch von 1792, das die Grundstücksverhältnisse aufzeichnet und auf ältere Zustände verweist, wird als Datum für die Kirche 1218 genannt. Deshalb feiern wir 2018 das 800jährige Bestehen einer steinernen Kirche vor Ort.

 

 

Diese steinerne Kirche, die, von der Flut von 1825 stark geschädigt, schließlich 1881 auf Abbruch verkaufte wurde, ist in der beschriebenen architektonischen Form typisch für das frühe 13 Jahrhundert in wursten. Das passt also zum Datum im Lagerbuch des 18. Jh., das wir feiern. Es ist eine für Wursten typische Saalkirche mit rechteckigem Chor und wahrscheinlich einem Turm. Winzige Rundbogenfenster ganz oben in der Mauer gaben Licht, ließen aber nicht zu viel Kälte und Wind hinein, Der heute erhaltene „Ochsenturm“ ist im hohen Mittelalter erneuert und später erhöht worden. Er war mit einem großen Rundbogen zum Kirchenraum geöffnet. Diese schlichten Kirchenbauten entfalteten ihre Besonderheit erst im Innenraum durch die Ausstattung mit Ausmalung, Altären und Taufbecken, auf die wir noch kommen.

 

 

 

Das Kirchspiel und seine Orte

 

In der Urkunde von 1091 werden Weddewarden, Butli (Weddewardener Büttel), Imsum und Luppinge genannt. Nicht genannt in der Urkunde ist Dingen, das aber ebenso wie Weddewarden zur friesischen Neubesiedlung Wurstens im  7.Jahrhundert gehörte. Mehrere Orte bildeten das Kirchspiel Imsum. Luppinge verschwindet, bevor es auf einer Landkarte verzeichnet werden konnte, also noch im Mittelalter, Stattdessen ist ein Ort Lebstedt belegt, der wiederum bei einer heftigen Flut unterging. Auch dazu gibt es eine Sage, die wir gleich noch hören werden. Lebstedt ist, anders als Luppinge, nicht nur in der Überlieferung, sondern auch archäologisch und durch aus dem Watt geborgene Funde belegt. Einige Fotos und ein mittelalterlicher Kochtopf dokumentieren dies heute hier. Bis zum Bau von CT IV konnte man bei extremem Niedrigwasser die Sodbrunnen des Orts noch erkennen.

 

Wenn man sich auf der Karte die Ortslagen von Dingen, Weddewarden und Lebstedt anschaut, dann liegt St. Bartholomäus im Zentrum des Kirchspiels. Bis heute geht das Kirchspiel laut Bezeichnung in der Außenweser weit über die Fahrtrinne der Schifffahrt hinaus in die Außenweser. Auch das können Sie nachher auf einer Karte sehen.

 

Erst als Lebstedt längere Zeit von der See verschlungen und schließlich aus dem Gedächtnis verschwunden war, wurde der Standort der Kirche rätselhaft und man fand eine Erklärung in der schönen Geschichte von der Ochsenwette.

 

 

Auch den Namen Imsum, mochte man sich nur mit einer Sage erklären, nämlich mit der Jungfrau Imme, die ihr Vermögen für den Bau der steinernen Kirche gab.

 

 

 

 

 

Der Rang der Imsumer Kirche

 

Die Imsumer Kirche hatte eine führende Rolle im Land Wursten.

 

Spätestens im 14. Jahrhundert (1340(3))gönnt man sich einen zweiten Geistlichen, einen Vikar. Für seinen Unterhalt und die mit dem Vikariat verbundene Bruderschaft des Hl. Liborius werden 10 Jück Land eingebracht, die 4 Juraten in Weddewarden verwalteten( Lehe 175).   Erst1686 wird diese Doppelbesetzung anscheinend aufgegeben, Damals wird das Vikariatshaus abgebrochen und das Gelände der Hofstelle der Pfarrei – heute Hof Hannken - zugeschlagen (Kiecker/Lehe 114).

 

 

 

Lehe 178         Die Kirchenherrren spielten eine bestimmende Rolle in den Gemeinschaften:

 

                        z.B. werden die von Imsum, Dorum und Padingbüttel als Deputierte für die Ratgeben               des Landes Wursten genannt.

 

 

 

Außerdem fanden die Verhandlungen mit dem Bremer Erzbischof nach der Niederlage der Wurster 1517  in Imsum statt. Man darf sich vorstellen, dass der Verhandlungsort die Kirche war oder der Friedhof vor der Kirche.

 

 

 

 

 

Ausstattung

 

Für die Bedeutung sprechen auch die Reste der Ausstattung, die in die neue Imsumer Kirche übertragen wurden,

 

vor allem die Glocke und das Taufbecken.

 

Die Glocke wurde 1455 gegossen, und zwar in der Werkstatt der bedeutenden Niedersächsischen Glockengießerfamilie Klinghe. Sie ist von Hermann Klinghe signiert ist. Das können sie im Niederdeutschen Heimatblatt vom letzten Dezember ausführlich nachlesen. Die Glocke ist wie die von Mulsum und Altenwalde Maria geweiht. (Lehe 176)

 

 

 

Das bronzene Taufbecken übersteigt die Größe der Parallelen in den Nachbarkirchen erheblich. Deshalb hat das Becken auch 6 statt der üblichen 4 Trägerfiguren.

 

Vielleicht hat die ungewöhnlich Größe dazu geführt, dass man es so außergewöhnlich fand, dass es eigentlich nicht aus der Region stammen könnte.

 

Denn auch mit dem Taufbecken verbindet sich eine Sage: Störtebecker soll es aus Italien beschafft und den Imsumern überlassen haben.

 

Doch die Sage machte das Objekt für die Imsumer besonders wertvoll, da man sich gerne mit Störtebecker, dem Robin Hood der Nordseeküste, schmückte.

 

Sie kann jedoch nicht zutreffen. Denn trotz der exorbitanten Größe gehört es eindeutig dem in Niedersachsen üblichen Typus des Beckens auf Trägerfiguren mit Bodenring und mit glockenhaftem Querschnitt an.

 

Stilistisch ist es mit den Becken in Misselwarden und Kirchwistedt sowie den Glocken in Padingbüttel und Wulsdorf zu vergleichen Auf der ebenfalls vergleichbaren Glocke in Dykhausen ist ein Name genannt: Meister Heinricus. 1415-17 ist ein Meister Henrik Gropengeter im Bremer Bürgerbuch genannt. Im Umfeld dieses Datums hat er in der Region gearbeitet. Zu dessen Werkstatt auch unser Becken gehören dürfte. Im unteren Schriftband findet sich spiegelverkehrt das Datum 1384.   Während die schriftbänder eingegossen sind sind die Figuren auf der Beckenfläche geritzt, von einem versierten und einem gänzlich ungeschickten Künstler.

 

Außer Maria ist u.A. Bartholomäus dargestellt, also ein deutliches Indiz, dass das Becken für die Imsumer Kirche geschaffen wurde. Kurz nach der Fertigstellung wurde einer der beiden Stifter, die neben Maria kniend dargestellt sind, ausgelöscht. Andere Stifter mit Wappen wurden zugefügt, darunter ein Diferich Kornepagh, wohl ein Mitglied einer im 14. Jh. bekannten Bremer Bürgerfamilie. Das Auslöschen eines Stifters ud dessen Überlagerung verweist auf dramatische Ereignisse im Kirchspiel, die wohl zur Verbannung eines vorher wichtigen ud reichen Mitglieds führten.

 

Dazu ist leider keine Sage überliefert, die unsere Vorstellungen erleichtern könnte.

 

Auf jeden Fall muss es den bestimmenden Hofbesitzern im Kirchspiel Imsum recht gut gegangen sein im 14. und 15. Jahrhundert. Das belegen diese bronzenen Zeugnisse aus der alten Kirche.

 

Entsprechend darf man sich auch prachtvolle Altarbilder, Heiligenfiguren, eine Ausmalung undry, als Erklärung. kostbare Glasfenster vorstellen. Doch das ist alles noch spurloser verschwunden als die Hälfte des Kirchspiels, die sich das Meer aus dem gewonnenen Marschland zurückgeholt hat.

 

 

 

Dazu gibt zum Schluss noch einmal eine Sage eine vertiefte Vorstellung. Denn, wie schon anfangs dargelegt: Für alles Rätselhafte brauchte der Mensch früher eine Sage, heute würde man sagen, eine gute Story als Erklärung.