Marienglocke

Die Marienglocke in Weddewarden und ihr Gießer

Ein Beitrag von Matthias Dichter

 

In der hiesigen Region kennt ihn jeder, den Ochsenturm von Imsum. Er ist der Rest einer gegen Ende des 19. Jahrhunderts abgerissenen mittelalterlichen Kirche. Als Ersatz baute man in Weddewarden die noch heute bestehende Zionskirche, in welcher man noch das ein oder andere Ausstattungsstück aus dem alten Imsumer Gotteshaus findet. Dazu zählt auch die im Jahre 1455 von Hermann Klinghe gegossene Marienglocke. Im folgenden Beitrag soll sie genauer beschrieben und auch ihr Gießer und sein Werk in den Fokus genommen werden.

 

Die Weddewardener Marienglocke

 

Wie durch ein Wunder überstand die Marienglocke die Wirren der Zeit. Nicht zuletzt die beiden Weltkriege haben dem deutschen Glockenbestand enorm zugesetzt. Äußerlich präsentiert sich die Glocke als ein typisches, spätgotisches Werk der Klinghe-Familie. Die Krone besteht aus insgesamt sechs in Doppelkreuzstellung angeordneten Henkeln. Hierbei ist auffällig, dass die Kronenhenkel nicht einheitlich geformt sind. Die beiden separat stehenden Henkel sind zum Beispiel vom oberen Teil bis zur Mitte stark abfallend, gehen dann in einen gebogenen Knick über, ehe sie im unteren Teil wieder nach innen gezogen werden. Dies ist bei den paarig stehenden Henkeln wieder anders, da diese im oberen Teil kaum merklich abfallen und der Knick deutlich ausgeprägter ist. Alle sechs Henkel weisen jedoch an der Vorderseite ein massives Zopfmuster als Verzierung auf, welches jedoch im oberen Teil ausläuft. Um die Schulter der Glocke verläuft eine zweizeilige Inschrift in verschieden großen gotischen Minuskeln zwischen insgesamt vier Rundstegen. Der Wortlaut inklusive Trennzeichen (in Klammern) sei hier originalgetreu wiedergegeben:

 

- Erste Zeile: (Großes Kreuz, bestehend aus einem um 45° gekippten Malteserkreuz in der Mitte sowie vier seitlich angebrachten Palmettenkreuzen) anno (Palmettenkreuz) dni (Malteserkreuz) m (Palmettenkreuz) cccc (Malteserkreuz) lv (Palmettenkreuz) maria (Malteserkreuz) bin (Palmettenkreuz) ik (Malteserkreuz) ghe (Palmettenkreuz) heten (Malteserkreuz) dat (Palmettenkreuz) kerspel (Palmettenkreuz) to (Malteserkreuz) imesen (Palmettenkreuz) let (Malteserkreuz) mi (Malteserkreuz) gheten (Malteserkreuz) her (Palmettenkreuz) iohan (Malteserkreuz) stolte (Palmettenkreuz) kerher (Palmettenkreuz) s (Malteserkreuz) katerina

 

- Zweite Zeile: (Palmettenkreuz; Malteserkreuz; Palmettenkreuz) hermen (Malteserkreuz) klinghe (Palmettenkreuz) mi (Malteserkreuz) ghe (Palmettenkreuz) ghoten (Malteserkreuz) had (Palmettenkreuz) god (Malteserkreuz) gheve (Palmettenkreuz) siner (Malteserkreuz) sele (Palmettenkreuz) rad (Malteserkreuz) help (Malteserkreuz) god (Malteserkreuz) ut (Malteserkreuz) aller (Palmettenkreuz) not (Palmettenkreuz) vi (Palmettenkreuz) veten (Malteserkreuz) nicht (Palmettenkreuz) vissers (Malteserkreuz) ven (Palmettenkreuz) den (Malteserkreuz) dot (Palmettenkreuz) iasper (Palmettenkreuz) melghior (Malteserkreuz) balteser

 

Unterhalb verläuft ein Fries aus spätgotischen Palmetten. Dies ist ein typisches Merkmal für Glocken der Gießerfamilie Klinghe. Auf der Flanke der Marienglocke befinden sich jeweils auf der Vorder- und der Rückseite Heiligenreliefs. Auf der Vorderseite ist die Muttergottes mit dem Jesuskind zu sehen. Am Kopf des Kindes scheinen noch während des Formprozesses diverse Änderungen vorgenommen worden zu sein. So lassen sich keine eindeutigen Gesichtszüge, dafür aber eine sehr große Nase sowie zwei relativ weit auseinander stehende Augen finden. An der betreffenden Stelle befinden sich keine weiteren Gussfehler, sodass man hier tatsächlich ungeschickte Korrekturen während der Formarbeiten als Ursache sehen darf. Die Marienfigur hingegen ist sehr schön gelungen und trägt neben einem langen Kleid auch eine übergroße Krone. Hinter ihrem Kopf befindet sich ein Heiligenschein, in welchem eine gotische Minuskelinschrift verläuft:

 

(Malteserkreuz) ave (Malteserkreuz) graciaple

 

Unterhalb des Reliefs finden wir das Gießerzeichen Hermann Klinghes. Es handelt sich hierbei um eine kleine, in den Mantel geritzte Glocke. Auf der gegenüberliegenden Seite befindet sich ein Relief des hl. Bartholomäus. Dieser war einst der Patron der alten Imsumer Kirche. Bartholomäus war einer der zwölf Apostel und wird heute noch als Märtyrer verehrt, da er, der Legende nach, zuerst gehäutet und anschließend kopfüber gekreuzigt worden sein soll. Auf der Weddewardener Marienglocke wird er mit einem großen Messer in der rechten und einem Buch in der linken Hand dargestellt. Er trägt ein langes Gewand und zeigt ein freundliches Gesicht. Auch hinter seinem Kopf befindet sich ein Heiligenschein, in welchem sich ebenfalls eine gotische Minuskelinschrift befindet:

 

sanctebertolomee

 

Um den Wolm verlaufen noch drei übereinanderliegende Grate. Zwei Rundstege befinden sich oberhalb der Schärfe. Ansonsten weist die Glocke keine weiteren Verzierungen oder äußerlichen Auffälligkeiten auf.

 

Doch eine Glocke sollte nach Möglichkeit nicht nur gut aussehen, sondern auch gut klingen. Den Klang historischer Glocken kann man nicht nach modernen Maßstäben und Normen beurteilen. Gerade alte Glocken sind durch die verschiedenen Klangcharaktere einzigartig. So auch die Glocke in Weddewarden. Sie weist einen deutlich vertieften Unterton sowie eine stark gesenkte Quinte auf. Das Klangbild ist dadurch schon als archaisch zu charakterisieren und macht die Glocke zu etwas Besonderem. Durch das für ihre Tonhöhe verhältnismäßig hohe Gewicht und die daraus resultierenden höheren Wandstärken werden vor allem die höheren Teiltöne gedämpft, wodurch die Glocke einen sehr vollen und voluminösen Klang entfaltet. Gerade bei mittelalterlichen Glocken ist dieses Phänomen häufig zu beobachten.

 

Für die Marienglocke in Weddewarden sind also, nach einer eingehenden Inventarisierung durch den Verfasser, folgende technischen und musikalischen Daten zu nennen:

 

Glocke (Nr.)                                                                          II

Name                                                                                     Maria

Gießer                                                                                    Hermann Klinghe

Gussjahr                                                                                1455

Material                                                                                 Bronze

Durchmesser                                                                        1211 mm

Schräge Höhe                                                                       904 mm

Schlagringstärke                                                                  93 mm

Gewicht (ca.)                                                                        1.315 kg

Schlagton                                                                              fis'+14,7

Unterton                                                                                 f°-34,0

Prime                                                                                      fis'-26,2

Terz                                                                                         a'-5,9

Quinte                                                                                     c''-19,0

Oktave                                                                                    fis''+14,7

 

© Matthias Dichter, 27.09.2017 - Bezugston: a' = 440 Hz - Die Abweichungen der sogenannten „temperierten Stimmung“ werden in Halbton-Hundertsteln angegeben

 

 

Im Turm befindet sich seit 1964 noch eine zweite, größere Glocke die von der Glocken- und Kunstgießerei Rincker im hessischen Sinn als Ersatz für eine im 2. Weltkrieg abgelieferte Glocke gegossen wurde. Die Vorgängerin war ein Werk des Hamburger Glockengießers Johann Nicolaus Bieber aus dem Jahre 1781. Auch sie hing ursprünglich in der alten Imsumer Kirche und kam im Zuge des Kirchenneubaus 1877 nach Weddewarden. Eine separate, aber recht kleine Uhrglocke goss die Glockengießerei J. H. Bartels in Hildesheim im Jahre 1877. Auch sie ging im 2. Weltkrieg verloren. Ein Ersatz für sie wurde bis heute nicht beschafft.

 

Mit der Marienglocke von 1455 besitzt die Zionskirche in Weddewarden eine der ältesten und bedeutendsten Glocken im Gebiet zwischen Elbe und Weser. Zwar gibt es in der hiesigen Region noch viele andere historische Glocken, doch ist jene von Weddewarden insofern herausragend, da von ihrem Gießer nur noch wenige Exemplare erhalten sind.

 

Der Glockengießer Hermann Klinghe und sein Werk

 

Lebensdaten von Hermann Klinghe, einer von fünf Söhnen des berühmten Bremer Glockengießers Ghert Klinghe, sind leider nicht bekannt. In Erscheinung tritt er erstmals im Jahre 1453, als er eine noch heute erhaltene Glocke für St. Nicolai in Wöhrden (Kreis Dithmarschen) goss. Im darauffolgenden Jahr wurde er erstmals im Gebiet zwischen Elbe und Weser tätig. In Bülkau und in Kehdingbruch goss er jeweils eine Glocke, wovon nur noch jene in Bülkau erhalten ist. Die Glocke in Kehdingbruch (die nach wie vor fälschlich mit 1404 datiert wird!) wurde 1840 aufgrund eines Risses umgegossen und im 1. Weltkrieg eingeschmolzen. 1455 zog Hermann Klinghe schließlich nach Imsum, um dort die bereits ausführlich beschriebene Marienglocke zu gießen. Aus den darauffolgenden fünf Jahren ist uns keine Glocke dieses Meisters bekannt. Seine Tätigkeit führte er wohl ab 1460 wieder fort. In diesem Jahr schuf er eine, heute leider nicht mehr erhaltene Glocke für Schiffdorf. Eine Marienglocke für Hechthausen goss Hermann Klinghe im Jahre 1461. Doch auch sie ist nicht mehr erhalten, da sie 1810 umgegossen wurde. 1462 zog es den Glockengießer nach Fehmarn. Für die dortige Kirche im Ort Burg goss er eine noch heute erhaltene Magdalenenglocke. Ein Geläut aus zwei Glocken goss Hermann Klinghe ein Jahr später für die Kirche in Balje. Der Verbleib beider Glocken ist unbekannt. Sie sind dort jedenfalls nicht mehr vorhanden. Im selben Jahr lieferte Klinghe eine kleine Glocke ins Kloster Børglum, einer ehemaligen Abtei im dänischen Nordjütland. Von dort gelangte sie nach Vester Hassing, wo sie noch heute läutet. Hermann Klinghes größte erhaltene Glocke hängt im schleswig-holsteinischen Oldenswort. Gegossen wurde sie 1465. In den Jahren 1467 und 1471 schuf Hermann Klinghe noch Glocken für Kotzenbüll und Herzhorn. Danach kehrte er wieder in seine Heimat zurück, wo er als letztes nachweisbares Werk im Jahre 1475 eine Marienglocke für die gleichnamige Kirche in Neuenkirchen im Land Hadeln goss. Eine undatierte Glocke Hermann Klinghes hängt in St. Peter und Paul in Cappeln im Oldenburger Münsterland. Sein Opus umfasst also insgesamt folgende Glocken:

 

1453: Wöhrden, evang. Kirche St. Nicolai (erhalten)

1454: Bülkau, evang. Kirche St. Johannes der Täufer (erhalten)

1454: Kehdingbruch, evang. Kirche St. Jürgen (nicht erhalten)

1455: Imsum, ehem. kath. Kirche St. Bartholomäus; später evang. Bartholomäuskirche (erhalten; heute in der evang. Zionskirche zu Bremerhaven-Weddewarden)

1460: Schiffdorf, evang. Martinskirche (nicht erhalten)

1461: Hechthausen, evang. Kirche St. Nikolaus (nicht erhalten)

1462: Burg auf Fehmarn, evang. Kirche St. Nikolai (erhalten)

1463: Balje, evang. Kirche St. Marien (nicht erhalten)

1463: Balje, evang. Kirche St. Marien (nicht erhalten)

1463: Børglum, ehem. Kloster (erhalten; heute in der evang. Kirche zu Vester Hassing)

1465: Oldenswort, evang. Kirche St. Pankratius (erhalten)

1467: Kotzenbüll, evang. Nikolaikirche (erhalten)

1471: Herzhorn, evang. Kirche St. Annen (erhalten)

1475: Neuenkirchen, evang. Kirche St. Marien (erhalten) undatiert: Cappeln, kath. Kirche St. Peter und Paul (erhalten)

 

Von den 15 bekannten Glocken Hermann Klinghes sind heute also noch 10 erhalten. Die Dunkelziffer der nicht bekannten und im Laufe der Jahrhunderte verloren gegangenen Glocken dürfte aber erheblich höher sein, gerade wenn man das Wirkungsgebiet von Hermann Klinghe betrachtet.

 

So darf sich die Weddewardener Kirchengemeinde freuen, eine derart wertvolle Rarität ihr Eigen nennen zu können! Diesen Schatz gilt es auch für die kommenden Generationen zu erhalten und zu bewahren. Gerade in Zeiten von Kirchenschließungen wird auch das zukünftig keine einfache Aufgabe sein.